15th
SOKO Moleskine
Es war schon als Romanvorlage geschrieben, spannend, emotional, ich habe Fiktion und Realität vermischt
offenbarte Notizbuchschreiber Walter Meischberger im Presse-Interview literarische Ambitionen, die bitteschön “nicht ins Lächerliche” gezogen werden sollten. Wer hätte aber gedacht, dass ihm dieser fromme Wunsch ausgerechnet vom Falter (32/10) erfüllt werden würde? Der besann sich auf seinen “Wir holen dich da raus”-Slogan und ließ Meischbergers Aufzeichnungen aus banalen Notizbuchniederungen in die hellen Höhen der Literatur hieven und die “Bedeutungsschichten herauspräparieren”. Germanist und Tagebuch-Fachmann (was es nicht alles gibt) Arno Dusini griff zu diesem Behufe in die Vollen und zog gleich mal Anne Frank, Viktor Klemperer und Jochen Klepper heran, um zu demonstrieren, was Tagebücher leisten (“das Funktionieren von Macht und Gewalt bis in die feinsten sozialen Kapillaren, Rituale und Handlungen bloßzulegen”) und was von Fälschungsvorwürfen zu halten ist (“Infragestellung der Authentizität macht die Erwartungen an die Textform zum Protagonisten über den Text und seinen Eigensinn”).
Dass Dusini dem Fälschungsaspekt recht viel Raum gibt, erstaunt nur auf den ersten Blick. Die diesbezügliche Scheuch’sche Wortspende hat vermutlich bloß außerhalb der Falter-Redaktion für Gähnen gesorgt, während sie darin dankbare Freude hervorrief: “Super, sofort aufgreifen, dann bleibt uns das fade Büchl vielleicht doch noch ein paar Tage im Gespräch!” Pardon, nicht schnödes Gespräch, “aufgeregte Diskussion der gesamten österreichischen Öffentlichkeit” muss das heißen, darauf legt Armin Thurnher Wert. Dass der Inhalt des Büchls das nicht hergibt, ist zwar wohl auch dem euphorischen “So oft wurde der Falter noch nie zitiert”-Chefredakteur klar, aber dennoch ists natürlich keine Option, die Gschicht einschlafen zu lassen, die muss ausgezuzelt werden bis aufs trockene schwarze Einbandhäutl (“Moleskine: Abgesang auf einen Fetisch der kreativen Klasse”).
Parallel ist weiterhin die Sprengsatz-Dimension des Inhalts zu betonen, obwohl - oder: weil - sie sich den Ermittlungsbehörden nicht zu erschließen scheint. Korruptionsstaatsanwalt Friedrich Koenig liest in Meischbergers Aufzeichnungen nur “Eintragungen vom Hörensagen, die wiederum ein anderer vom Hörensagen gehört haben soll” - eine Einschätzung, die angesichts der im Falter abgedruckten Passagen, bei denen es sich doch um die brisantesten gehandelt haben dürfte, nachvollziehbar erscheint. Aber eine Falter-Enthüllung so abzutun, das geht ja gar nicht, das muss den Behörden schon ganz klar gesagt werden. Diese Aufgabe übernimmt eben Arno Dusini, der als Literaturwissenschaftler zweifellos auch mit dem Justiz- und Politthriller-Genre vertraut ist und von daher gut über erfolgsgarantierende Arbeitsweisen heldenhafter ErmittlerInnen Bescheid weiß. Dieses Wissen teilt er gern mit den Behörden, die er u.a. belehrt: “Eine ermittlungstechnische Trennung von privaten und nichtprivaten Seiten ist hier nicht mehr möglich. Sie führt, aus welchen Gründen auch immer, in die Irre” - ob da wohl jemand gar zu gern die nicht mitgelieferten Seiten über Meischbergers Privatleben gelesen hätte? Natürlich nur aus wissenschaftlichem Interesse.
Aber das ist nur ein Randaspekt. Die ermittlungstechnische Kernfrage ortet Germanist Dusini in der Authentizität. Selbige könne beim Tagebuch “nur das Gesetz einer Identität von Schreiber und Geschriebenem meinen, einen Akt der Selbstunterzeichnung”. Auch wenn im Text Realität und Fiktion verschwömmen: “Der Verfasser übernimmt die Verantwortung für das Geschriebene.” Und wenn das Geschreibsel hundertmal nur Hörensagen vom Hörensagen sei: “Ein solcher Hinweis entwertet weder das Dokument noch seine Autorschaft.” Die Autorschaft, ja - aber hatte die, abgesehen von Uwe Scheuch, eigentlich irgendwer bezweifelt? Und ohne das fachmännische Urteil von Dusini über zielführende Ermittlungsarbeit anzweifeln zu wollen, aber ist es nicht, wenn schon nicht ermittlungstechnisch, so doch wegen der betrüblichen Unterbudgetierung der Staatsanwaltschaft vernünftig, wenn die sich lieber an Fakten als an Fiktion, Hörensagen und Gerüchteküchenschwaden hält?
Ganz im Gegenteil, meint Dusini, und untermauert seine Vorstellungen von Detektivarbeit mir einem Zitat der amerikanischen Philosophin und Sprachwissenschaftlerin Judith Butler: “Tatsächlich ist der Sprecher gerade wegen des Zitatcharakters des Sprechens für seine Äußerungen verantwortlich. Der Sprecher erneuert die Zeichen der Gemeinschaft, indem er dieses Sprechen wieder in Umlauf bringt und damit wiederbelebt. Die Verantwortung ist also mit dem Sprechen als Wiederholung, nicht als Erschaffung verknüpft.” In schlichterem Deutsch entspricht das der alten Regel, dass etwas nur oft genug wiederholt werden muss, damit es alle glauben und es schließlich gesamtgesellschaftlich als Wahrheit oder Wissen akzeptiert wird. In Butlers Theorie ist diese Art, Wissen zu schaffen, unweigerlich Machtausübung, die es kritisch zu betrachten und zu hinterfragen gilt, statt darauf zu vertrauen, Staat oder Gerichte würden eine objektive Wahrheit vertreten. Klingt das nach einer Verteidigung des Hörensagens? Oder gar nach einem guten Grund, es “Eingang in die Rechtsprechung ” finden zu lassen? Natürlich nicht: Gerade das von Dusini eingeforderte “historische Wissen” hat im amerikanischen Rechtssystem zu einer - nicht ausnahmslosen - Ächtung des Hörensagens geführt: als Mittel zum Zweck, das in der Verfassung garantierte Recht von Angeklagten zu sichern, mit BelastungszeugInnen und ihren Aussagen direkt vor Gericht konfrontiert zu werden, um sich verteidigen zu können. Gegen Hörensagen und “irgendwas wird schon dran sein”-Gerüchte setzt es sich nämlich schwierig zu Wehr.
Aber gut, Arno Dusini hatte ja auch keinen leichten Job: Mit Mitteln der Literaturwissenschaft die inhaltliche Brisanz der Meischberger-Notizen zu beweisen, um die “aufgeregte Diskussion” in Gang zu halten oder gar den Ermittlungsbehörden Dampf zu machen - da kann mensch sich schon mal in sprachphilosophische Nebelschwaden flüchten und verzweifelt versuchen, ihnen Blitz und Donnergrollen zu entlocken. Habt Mitleid mit dem Mann - gebt ihm eine SOKO Moleskine!